Nähe braucht keine Patentrezepte
In der Sterbebegleitung bestimmt der Kranke die Tonart
Die beste Medizin ist der ANDERE MENSCH – die BESTE Medizin ist der andere Mensch.Das ist keine Kampfansage an die ärztliche Kunst. Es ist ein afrikanisches Sprichwort.
In ihm drückt sich ein menschliches Bedürfnis Schwerkranker und Sterbender aus, nämlich ergänzend zur medizinischen Betreuung auch Mitmenschlichkeit zu spüren, eine warme Hand, die tröstet, eine Schulter, an der man weinen darf, die lebendige Gegenwart eines anderen Menschen, der versucht, sich in Leid und Ängste einzufühlen.
Wer sich der Hospizarbeit verschreibt, bemüht sich, eine Brücke zu sein zwischen den Bedürfnissen eines Sterbenden und der Wirklichkeit menschlicher Möglichkeiten. Es ist allerdings eine BRÜCKE OHNE GELÄNDER.
Denn es gibt kein Patentrezept, an dem der Begleiter sich festhalten könnte, es gibt kein Rezept, das mit wissenschaftlicher Exaktheit definiert, was in einer Sterbebegleitung zu geschehen hat. Es kann dieses Rezept schon deshalb nicht geben, weil der Kranke Tonart und Tempo dieses Duettes zwischen zwei Menschen angibt, und manchmal machen Kranke das so wunderbar, dass auch der Begleiter sich beschenkt fühlt.
Meine erste Begleitung führte mich in ein Einfamilienhäuschen in einer Zechensiedlung am Stadtrand von Dortmund. Der Kranke saß blass und abgemagert auf seinem Pflegebett, das wie eine Insel des Schmerzes zwischen den altdeutschen Wohnzimmermöbeln stand. Mit dem halb gefüllten Katheterbeutel an seiner Seite war er meinem Blick preisgegeben.
Es gab in diesem wichtigen Moment des Kennenlernens eine Komplikation, auf die ich nicht vorbereitet war: er war blind, vorerst nur über die Stimme erreichbar.
Ich bückte mich auf gleiche Augenhöhe zu ihm hinunter und sprach ihn an. Er rückte nach einer Weile andeutungsweise beiseite, klopfte auf die Matratze und sagte: „Setz dich mal da hin, Mädchen.“ Das hätte ich ohne seine Einladung niemals getan. Das Bett ist der letzte Raum der Souveränität, der einem Kranken bleibt. Aber ich werde ihm diesen Vorschuss an Vertrauen niemals vergessen.
Kurz vor seinem Tod wurde er in eine Klinik verlegt, ich besuchte ich ihn dort und war bei ihm, als er starb. Standortwechsel gehört zum Konzept der ambulanten Begleitung, sie findet jeweils dort statt, wo der Kranke sich aufhält, damit die Kontinuität der menschlichen Beziehung erhalten bleibt.
Und so war es auch bei Frau H., die ich auf der Palliativstation des Johannes-Hospitals kennen lernte und später zuerst in ihrer Wohnung und zuletzt im stationären Hospiz begleitete. Sie war Fotografin von Beruf. Und sie schenkte mir eins ihrer Bilder. Es zeigte eine halb geöffnete schmiedeeiserne Pforte, an der sich leuchtend blau die Blüten der Clematis empor rankten. Aber das Bild war mehr als ein künstlerisches Dokument; es war eine an mich gerichtete Frage: gehst du mit bis an die Pforte?
Aber der Weg dorthin war steinig und weit, und er führte über alle wichtigen Stationen ihres Lebens. Selbstverständlich hatte sie diese Stationen mit Fotos dokumentiert. Die Bilderwelt der Fotografin war die Leitplanke, der wir folgten, als sie ihre Lebensgeschichte rekonstruierte und in allen Teilabschnitten wertete.
An einem kalten Tag, an dem ich ihre Hände in meinen wärmte, blickte sie kritisch missbilligend auf die Pigmentflecken, die in der zweiten Lebenshälfte auf ihren Handrücken erschienen waren. Sie erzählte, dass sie die kleinen Male jeweils hautfarben abgedeckt hatte, wenn sie vor ihrer Erkrankung festlich ausgegangen war.
Ich hatte durch Zufall – wenn es denn Zufälle gibt – ein Blatt mit Klebebildern in der Handtasche, und so klebte ich ihr ein rotes Herzchen auf eines der braunen Male. Es klebte auch am nächsten und den folgenden Tagen noch dort, und die Schwestern auf der Station erzählten mir, dass sie sie gebeten hatte, um das Herzchen herum zu waschen. Mit Worten hat sie das mir gegenüber niemals erwähnt. Es sind Symbole und Verschlüsselungen, die in der Sterbebegleitung zur Achtsamkeit mahnen, eine Verständigungsebene, die manchmal neben der Realität liegt und dennoch eine eigene Wahrheit ausdrückt.
Die gegenseitige Zuwendung und oft auch Zuneigung, die unter dem Zeitdruck des näher rückenden Todes wächst, hat ihre eigene wortlose Diskretion.
Damit sie wusste, dass ich auch außerhalb unseres Beisammenseins an sie dachte, hatte ich ihr von einer Messe aus Hannover eine Muschel aus Mozambique mitgebracht, und ich traf sie, als sie endgültig bettlägerig war, zuweilen mit der Muschel am Ohr an, dem Rauschen in dem kleinen Wunderwerkes der Natur hingegeben. In der wortkargen Sprödigkeit ihrer Äußerungen gab es eine Ausnahme, kurz vor ihrem Tod, als sie leise sagte: „Freundinnen sagen DU zueinander“. Davon habe ich bis zu ihrer letzten Stunde, die eine Stunde voller Nähe und Würde war, dankbar Gebrauch gemacht.
Sterbende wachsen ihren Begleitern ans Herz. Man schenkt ihnen ein Herz, nicht nur ein Herzchen aus rotem Glanzpapier.
Meine bisher längste Sterbebegleitung erstreckte sich über einen Zeitraum von einem Jahr und sieben Monaten. Obwohl die Kranke in dieser Zeit mehrfach in verschiedenen Krankenhäusern lag, verbrachte sie den größten Teil dieser Zeit zu Hause. Ein in einer Klinik versorgter Patient muss sich um die Regelung seiner Grundbedürfnisse kaum Gedanken machen. In der ambulanten Begleitung sieht das anders aus.
Wenn Milch und Brot im Haushalt fehlen, die ungebügelte Wäsche sich türmt, das Bargeld ausgeht, wenn die Jalousie streikt und das einfallende Licht die Nachtruhe gefährdet, wenn die Medikamente zu Ende gehen und der Kellerschlüssel unauffindbar wird, ist zumindest der allein lebende Kranke auf Hilfe angewiesen – was läge näher, als die Ärmel aufzukrempeln, auch wenn das nicht zu den originären Aufgaben der Hospizdienste gehört.
Mitmenschlichkeit kann doch nicht nach Satzungen fragen. Aber an allem Anfang und im Zentrum der Begleitung stand das WORT. Zum Beispiel das lebenswichtige gute Wort, mit dem ein lange schwelender Konflikt in der Familie vielleicht zu lösen war, dieses Wort musste gesucht, erarbeitet und zu Papier gebracht werden. Es ging um das Wort der Zusicherung, dass sie der Beständigkeit der Begleitung auch in dunklen Stunden sicher sein dürfe, es ging um das Wort, das ein Halteseil war in den Abgründen von Angst und Wut, um das Wort, das hinausweist über den engen Horizont der täglichen Bedrängnis.
Im Grunde ist Sterbebegleitung Gemeinschaft auf einer Wegstrecke der Normalität, die zu unser aller Leben gehört. Sobald irgendeines fernen Tages diese Einsicht Allgemeingut geworden sein wird, wird diese Welt weniger gestört, aber menschlicher und liebevoller sein.
Helga Windgassen
Aus „Hospiz-Zeitschrift“ Nr. 23


